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Artikel – Geschlechtsspezifisches Lohngefälle: Definition und Ursachen

„Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. So lautete bereits eines der Gründungsprinzipien der Europäischen Union, das in den Römischen Verträgen von 1957 verankert ist. Dennoch gibt es in der EU immer noch deutliche Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern und in den vergangenen zehn Jahren wurden nur geringe Verbesserungen erzielt. Man spricht in diesem Zusammenhang vom sogenannten geschlechtsspezifischen Lohngefälle („Gender Pay Gap“).

Das Europäische Parlament hat stets mehr Maßnahmen zur Verringerung der Lohnlücke zwischen den Geschlechtern gefordert und bringt das Thema am Montag, den 13. Januar auf seiner Plenartagung erneut zur Sprache.

Was versteht man unter dem geschlechtsspezifischen Lohngefälle? Wie wird es berechnet?

Das geschlechtsspezifische Lohngefälle ist der Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von weiblichen und männlichen Arbeitnehmern. Es basiert auf den Löhnen und Gehältern, die direkt an die Arbeitnehmer ausgezahlt werden, vor Abzug der Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge. Für die Berechnung werden nur Unternehmen mit zehn oder mehr Beschäftigten berücksichtigt.

Nicht alle Faktoren, die sich auf das geschlechtsbedingte Lohngefälle auswirken, wie zum Beispiel Unterschiede in der Bildung, Anzahl der gearbeiteten Stunden, Art der Tätigkeit, Unterbrechungen der Berufstätigkeit und Teilzeitarbeit, werden in dieser Berechnung berücksichtigt. (Deshalb spricht man auch vom unbereinigten geschlechtsspezifischen Verdienstgefälle.)

Gender Pay Gap in der EU

In der EU gibt es sehr große Unterschiede. Die höchsten Zahlen verzeichneten 2017 Estland (25,6 Prozent), Tschechien (21,1 Prozent), Deutschland (21 Prozent), das Vereinigte Königreich (20,8 Prozent), Österreich (19,9 Prozent) und die Slowakei (19,8 Prozent). Slowenien (8 Prozent), Polen (7,2 Prozent), Belgien (6 Prozent), Italien und Luxemburg (jeweils 5 Prozent) sowie Rumänien (3,5 Prozent) wiesen die niedrigsten Prozentsätze auf.

Der Grundsatz der Lohngleichheit wird durch eine EU-Richtlinie geregelt. Das Europäische Parlament forderte wiederholt deren Überarbeitung sowie weitere Maßnahmen zur Förderung der Geschlechtergleichstellung. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte bereits an, dass die Kommission an einer neuen Europäischen Gleichstellungsstrategie und verbindlichen Maßnahmen zur Lohntransparenz arbeiten werde.

Wie sich das Europäische Parlament für die Gleichstellung der Geschlechter starkmacht, erfahren Sie hier

Warum besteht das Lohngefälle?

Die Interpretation der Zahlen ist nicht so einfach wie es scheint, da ein niedrigeres Lohngefälle in einem Land nicht unbedingt mit einem höheren Grad der Geschlechtergleichstellung einhergehen muss. In manchen Mitgliedstaaten ist ein geringeres Lohngefälle tendenziell mit einer geringeren Erwerbsbeteiligung von Frauen verbunden. Hohe Lohngefälle wiederum stehen in der Regel mit einem hohen Frauenanteil an Teilzeitbeschäftigten oder einem hohen Frauenanteil in wenigen spezifischen Berufen in Verbindung.

Im Durchschnitt leisten Frauen mehr unbezahlte Arbeitsstunden als Männer – wie für Kinderbetreuung oder Hausarbeit – und Männer mehr bezahlte Arbeitsstunden. Nur 8,7 Prozent der Männer in der EU arbeiten Teilzeit, während fast ein Drittel der Frauen (31,3 Prozent) teilzeitbeschäftigt ist. Insgesamt arbeiten Frauen mehr Stunden pro Woche als Männer.

Berücksichtigt man nun die geringeren Stundenlöhne, kürzeren entlohnten Arbeitszeiten und geringeren Erwerbsquoten von Frauen, so ergibt sich ein durchschnittlicher geschlechtsspezifischer Gesamteinkommensunterschied von beinahe 40 Prozent (im Jahr 2014).

Tendenziell sind es auch die Frauen, die ihre Karriere aus familiären Gründen unterbrechen oder deren berufliche Entscheidungen von der Familie oder Pflegeaufgaben beeinflusst werden.

Rund 30 Prozent des geschlechtsspezifischen Lohngefälles lassen sich auf eine Überrepräsentation von Frauen in Sektoren und Berufen mit relativ niedriger Bezahlung wie Pflege, Verkauf oder Bildung zurückführen. Außerdem gibt es nach wie vor Arbeitsplätze, wie beispielsweise in den Bereichen Wissenschaft, Technik und Ingenieurwesen, in denen der Anteil der männlichen Beschäftigten (mit über 80 Prozent) sehr hoch ausfällt.

Frauen haben auch weniger Führungspositionen inne: Weniger als 6,9 Prozent der CEOs in Top-Unternehmen sind Frauen. Laut Angaben von Eurostat zu den einzelnen Berufsgruppen sind weibliche Manager am stärksten benachteiligt: Sie verdienen pro Stunde 23 Prozent weniger als Männer im Management.

Schließlich sind Frauen am Arbeitsplatz immer noch mit purer Diskriminierung konfrontiert, indem sie für dieselbe Arbeit weniger als ihre männlichen Kollegen erhalten.

Die Lücke schließen

Während das geschlechtsspezifische Lohngefälle beim Eintritt von Frauen in den Arbeitsmarkt eher gering ausfällt, nimmt es mit dem Alter der Beschäftigten, also im Verlauf ihrer Karriere und mit dem Entstehen familiärer Verpflichtungen, zu. Da in der Folge weniger Geld zum Sparen und Investieren zur Verfügung steht, häufen sich diese Unterschiede an, sodass Frauen im Alter einem höheren Risiko von Armut und sozialer Ausgrenzung ausgesetzt sind. 2017 betrug das geschlechtsspezifische Rentengefälle rund 36 Prozent.

Das Prinzip der Lohngleichheit ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Es bringt auch Vorteile für die Wirtschaft mit sich, da Frauen mehr Geld investieren würden. Dies würde die Steuerbasis erhöhen und die Sozialsysteme entlasten. Schätzungen gehen davon aus, dass eine Verringerung des Lohngefälles um einen Prozentpunkt zu einem Anstieg des BIP um 1,1 Prozent führen würde.

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©Europäische Union

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