03.05.2020 – 17:59

Mittelbayerische Zeitung

Regensburg (ots)

Faule Säcke! Dieses populäre Pauschalurteil über die Lehrerschaft hierzulande stammte – gewohnt kantig formuliert – aus dem Munde von Gerhard Schröder. Der Ex-Bundeskanzler lag mit seiner Verunglimpfung damals schon daneben. Inzwischen belegt die schwindende Zahl der Lehramtsstudenten, dass es angesichts einer schwierigen Schülerklientel und klagewütiger Eltern mit der Attraktivität des vermeintlich „gut bezahlten Halbtagsjobs“ nicht so weit her ist. Dass es sich vor allem um Lehrerinnen handelt, die in Grund- und Mittelschulen Dienst tun, ist zudem vor dem Hintergrund der Benachteiligung von Frauen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt ein sehr starkes Indiz dafür, dass die Entlohnung und das Ansehen mit den Anforderungen nicht Schritt halten. Schröder indes hätte solche Zusammenhänge als „Frauenpolitik und so Gedöns“ abgetan. Eine Äußerung, die er angeblich später bereut hat.
Zuverlässig ploppt in der aktuellen Krise das Zerrbild vom fidelen Pädagogen auf, der bei vollem Gehalt das Übermaß zusätzlicher Freizeit vornehmlich dazu nutzt, um das Wohnmobil auf Vordermann zu bringen, statt sich durch den Dschungel moderner digitaler Unterrichtsmethoden zu kämpfen. Solche Fälle mag es geben. Sie sind vermutlich genauso häufig wie auf anderen Berufsfeldern anzutreffen.
Trotzdem hat das Magazin „Spiegel“ recht, wenn es von einem „Schulversagen“ kündet. Deutschland versündigt sich gerade an seiner jungen Generation, an den Schutzbedürftigsten, nämlich seinen Kindern. Schuld daran tragen nicht die engagierten Pädagoginnen und Pädagogen, die im Homeoffice ihr Möglichstes taten und tun.
Sie sind dem allgemeinen Chaos, das die Pandemie stiftet, genauso ausgeliefert wie wir alle. Schuld an den sich anbahnenden Bildungsdefiziten tragen die den Lehrern übergestülpte Bürokratie und damit letztlich die Politik. So hemdsärmelig und zupackend sie sich zu Beginn des Lockdowns präsentierte, so zögerlich, hilf- und planlos agiert sie nun beim Thema Neustart. Zeit für durchdachte Konzepte verstrich offensichtlich ungenutzt.
Fantasiebegabung und Improvisationstalent scheinen in den Curricula der Kultusministerien eine untergeordnete Rolle zu spielen. Das hat nichts mit der derzeit wohlfeilen Kritik am Föderalismus zu tun. Im Gegenteil: Die höchst unterschiedliche Ausbreitung des Virus schreit förmlich nach regional fein austarierten Lösungen. Diese Lösungen müssen jetzt dringend her! Dabei spielt das ökonomische Argument, die derzeit schwer geprüften Erziehungsberechtigten müssten schleunigst wieder einem geordneten Broterwerb nachgehen, eine nachgeordnete Rolle.
Kinder haben ein Recht auf Bildung! Sie müssen ihre Persönlichkeit ausprägen, und das funktioniert nur im sozialen Miteinander. Einen regulären Schulbetrieb bis Weihnachten oder gar darüber hinaus zu vertagen, kann keine Antwort sein. Es darf keine Tabus geben.
Der altersweise Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hatte recht, als er die Sommerferien zur Disposition stellte. Um die Klassen entsprechend zu verkleinern und Corona-gerechten Unterricht zu organisieren, könnten auch die Nachmittage und Samstage genutzt werden. Klingt womöglich in vielen Ohren abenteuerlich, doch war die Sechs-Tage-Woche an Bayerns Schulen noch vor 40 Jahren Usus.
Ein drohender Personalmangel ließe sich überbrücken, indem man Lehramtsstudenten engagiert sowie aus dem Millionenheer der aktuellen Kurzarbeiter je nach Eignung vorübergehend schulische Hilfskräfte anwirbt. Eine problematische Notlösung, gewiss. Aber allemal besser als der vorherrschende Stillstand. Schließlich und endlich sollte die Politik die Krise als Jahrhundertchance begreifen, der lahmenden Digitalisierung deutscher Schulen mit gezielten Investitionen Schwung zu geben.
Den Lehrern wäre der flexible Mehraufwand natürlich zu honorieren. Eine Gehaltsanhebung an Grund- und Mittelschulen ist angesichts der sozialen Bedeutung ihrer Aufgabe ohnehin überfällig.

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