Nachhaltigkeit ist in aller Munde – auch in Bezug auf Finanzprodukte. Anbieter nennen sie ökologisch, sozial, ethisch, grün, klimafreundlich und verantwortungsvoll.

Die BaFin hat Mitte Mai auf einer Konferenz im Berliner Umweltforum mit Wissenschaftlern, Aufsehern und Entscheidungsträgern aus Unternehmen und Verbänden über nachhaltige Finanzwirtschaft diskutiert (siehe BaFinJournal Mai 2019). Eine Erhebung im Auftrag der BaFin rückt nun das Anlageverhalten von Verbraucherinnen und Verbrauchern bei nachhaltigen Investments in den Mittelpunkt.

Was wissen die Befragten über nachhaltige Geldanlagen (siehe Infokasten „Nachhaltige Geldanlagen“) und ihre Sicherheit? Welche Präferenzen haben sie mit Blick auf umweltbezogene, soziale und ethische Aspekte? Um das beurteilen zu können, hat die BaFin eine Online-Umfrage in Auftrag gegeben. Im Dezember vergangenen Jahres befragten die Marktforscher 1.000 repräsentativ ausgewählte Personen zu nachhaltigen Geldanlagen. Ziel ist es, verbraucherschutzrelevante Erkenntnisse zu gewinnen.

Definition:Nachhaltige Geldanlagen

Klassische Geldanlagen werden nach den ökonomischen Kriterien Rentabilität, Liquidität und Risiko bewertet. Nachhaltige Geldanlagen beachten zusätzlich noch Aspekte wie Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (ESG-Kriterien). Die englische Abkürzung steht für Environmental, Social and Governance.

Den Begriff „nachhaltige Geldanlagen“ kennen rund 60 Prozent der Befragten überhaupt nicht. Zumindest schon einmal gehört haben ihn hingegen 38 Prozent. Die restlichen 2 Prozent geben an, nicht zu wissen, ob sie hiervon schon einmal gehört haben.

Wie grün erscheint ein Festgeldkonto?

Untersucht wird auch, ob die Befragten den Begriff nur im Kontext mit der Umwelt oder auch mit sozialen oder ethischen Aspekten sehen. Dazu bejahten oder verneinten sie bestimmte Aussagen. Das Spektrum reicht von allgemeinen Formulierungen bis hin zu sehr konkreten Beispielen (siehe Grafik 1). So ist ein Festgeldkonto bei einer Bank, die nicht mit Nahrungsmitteln spekuliert, für 29 Prozent der Befragten eine nachhaltige Geldanlage. Dagegen teilen 43 Prozent diese Ansicht nicht. Noch weniger Zustimmung finden folgende Aussagen: 22 Prozent stimmen zu, dass die Aktien eines Herstellers von Biokleidung nachhaltig sind, unabhängig davon, ob bei dem Anbau der Baumwolle Kinder beschäftigt werden. Und 19 Prozent sind der Meinung, es sei zur Bekämpfung des Klimawandels nachhaltig, in Atomkraft zu investieren.

Die Einschätzung, nachhaltige Geldanlagen dienten ausschließlich dem Umweltschutz, vertreten nur 27 Prozent, wohingegen 49 Prozent dieser Aussage explizit widersprechen. Für sieben von zehn Personen investieren Anleger bei nachhaltigen Geldanlagen gezielt in Unternehmen, die bestimmte Umweltaspekte, Produktionsbedingungen und ein werteorientiertes Management einhalten.

Mit ihrer Agenda 2030 verfolgen die Vereinten Nationen das Ziel, weltweiten wirtschaftlichen Fortschritt im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen der ökologischen Grenzen der Erde zu gestalten. Einer in diesem Sinne formulierten Aussage pflichten etwa zwei Drittel der Befragten bei.

Grafik 1: Nachhaltige Geldanlagen sind…

Grafik 1: Nachhaltige Geldanlagen sind...

Klimaschutz ist wichtigster Nachhaltigkeitsaspekt

Gefragt nach den wichtigsten Themen bei der Gestaltung nachhaltiger Geldanlagen (siehe Gafik 2), nennen die Befragten am häufigsten den Klimaschutz (52 Prozent), die Menschenrechte (48 Prozent) und den Umweltschutz (47 Prozent). Armut und Hunger zu bekämpfen und erneuerbare Energien zu fördern, halten etwa vier von zehn Befragten für besonders wichtig. Damit besetzen weitgefasste ökologische und soziale Themen die vorderen Ränge. Der Ausschluss korrupter Unternehmen und Staaten liegt auf Platz 8, ein wichtiges Thema der guten Unternehmensführung.

Grafik 2: Wichtigste Themen bei der Gestaltung nachhaltiger Geldanlagen (Mehrfachnennungen)

Grafische Darstellung nachhaltiger Geldanlagen Grafik 2: Wichtigste Themen bei der Gestaltung nachhaltiger Geldanlagen (Mehrfachnennungen)

Einen weiteren Schwerpunkt der Erhebung stellen die persönlichen Einstellungen und die Investitionsbereitschaft der Befragten dar. Investieren und gleichzeitig etwas Gutes tun, dabei fühlen sich zwei Drittel der Befragten gut (siehe Grafik 3). Drei von fünf Befragten möchten mit ihrer Investition zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen, und 54 Prozent geben an, nachhaltige Geldanlagen passten zu ihren persönlichen Werten und Zielen. Dagegen ist nur jedem Sechsten Nachhaltigkeit nicht wichtig.

Insgesamt ist die Bereitschaft, in nachhaltige Geldanlagen zu investieren, groß. Unter allen Befragten können sich das 62 Prozent grundsätzlich vorstellen. Bei den 398 Befragten, die in den nächsten sechs Monaten 1.000 Euro oder mehr anlegen wollen, beträgt dieser Anteil sogar 87 Prozent.

Interessant wird es, wenn staatliche Hilfen ins Spiel kommen: Aus dem einen Viertel aller Befragten, das sich grundsätzlich nicht vorstellen kann, nachhaltig zu investieren, sind 39 Prozent dazu bereit, sofern es eine staatliche Förderung durch Zulagen oder Steuervorteile gibt.

Grafik 4: Rendite und Risiko

Grafische Darstellung nachhaltiger Geldanlagen Grafik 4: Rendite und Risiko

Ökonomische versus ökologische Präferenzen

Für mehr als drei Viertel der Befragten stehen ökonomische Aspekte im Vordergrund einer Anlageentscheidung. Dazu zählen geringes Risiko (37 Prozent), freie Verfügbarkeit (23 Prozent) und hohe Renditen (17 Prozent). Für knapp ein Viertel der Befragten haben umweltbezogene (9 Prozent), soziale (7 Prozent) oder ethische Aspekte (7 Prozent) dagegen höchste Priorität.

Das Spannungsverhältnis zwischen Rendite und Risiko ist ein Evergreen der Geldanlage. Laut Verbrauchererhebung sind 38 Prozent bereit, für nachhaltige Investments eine geringere Rendite in Kauf zu nehmen (siehe Grafik 4). Mehr als jeder Sechste ist sogar bereit, ein höheres Risiko einzugehen. Natürlich gibt es auch das Spiegelbild derer, die dazu ausdrücklich nicht bereit sind. Ein Viertel will keine geringere Rendite, die Hälfte kein höheres Risiko mit nachhaltigen Anlagen. Dass nachhaltige Geldanlagen langfristig eine bessere Rendite sichern, glauben 41 Prozent der Befragten.

Schillernder Nachhaltigkeitsbegriff

Die Hälfte der Befragten verbindet nachhaltige Geldanlagen mit sicheren Geldanlagen, da Anleger gezielt in Unternehmen investierten, die zukunftsorientiert wirtschaften, während nur 26 Prozent diese Ansicht nicht teilen.

Dabei gibt es unterschiedliche Konzepte zum zuweilen schillernden Nachhaltigkeitsbegriff. In der Umweltpolitik meint Nachhaltigkeit die dauerhafte ökologische Verträglichkeit wirtschaftlichen Handelns. Für viele Wirtschaftswissenschaftler bedeutet Nachhaltigkeit dagegen, dass Unternehmen dauerhaft ökonomischen Erfolg erwirtschaften. Ein Geschäftsmodell soll langfristig Früchte tragen.

Seit geraumer Zeit nimmt die Sichtweise des nachhaltigen Wirtschaftens Bezug auf die Umwelt und zum Teil auch auf soziale Aspekte. Dies kann langfristig betrachtet einen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens leisten. Für Verbraucher gilt aber: Nachhaltige Geldanlagen sind nicht per Definition sicher.

Befragte unterschätzen manches Risiko

Im Mittelpunkt der Erhebung steht die Frage, ob Privatanleger das Risiko nachhaltiger Geldanlagen richtig beurteilen. Dazu sollten die Befragten zum Beispiel angeben, wie riskant sie einen ökologischen Aktienfonds oder ein Wald-Direktinvestment finden (siehe Grafik 5).

Die Ergebnisse sind aufschlussreich. Je nach Art der Geldanlage geben zwischen einem Viertel und einem Drittel der befragten Personen an, das Risiko nicht zu kennen. Offenbar vom Namenszusatz „mit festem Zinssatz“ geleitet, beurteilen 19 Prozent der Befragten eine Wasserkraft-Anleihe als sicher, weitere 26 Prozent halten kleinere Verluste für möglich. Auffällig ist, dass das Risiko dieses Investments mit dem eines Sparbuchs im Bereich Umwelt nahezu gleichgesetzt wird.

Informationen sind der Schlüssel

Während bei einer Wasserkraft-Anleihe mit festem Zinssatz 10 Prozent der Befragten den Totalverlust für möglich halten, sind es bei einem Wald-Direktinvestment rund 16 Prozent und bei einem geschlossenen Solarfonds 18 Prozent. Diese Minderheit an Befragten liegt richtig und hat die Risiken korrekt eruiert – ein Totalverlust ist möglich (siehe Infokasten „Gut zu wissen“).

Auf einen Blick:Gut zu wissen

Nur weil eine Geldanlage nach ökologischen, sozialen oder ethischen Grundsätzen konzipiert wurde, ist sie noch nicht sicher. Auch ein nachhaltiges Investment sollte in puncto Risiko und Liquidität zum Anleger passen.

Nachhaltige Geldanlagen können ebenso risikoreich sein wie klassische Geldanlagen. Das hängt auch von der Anlageform ab: Aktien eines nachhaltig wirtschaftenden Unternehmens sind riskanter als ein breit aufgestellter nachhaltiger Fonds oder Indexfonds.

Sehr hohe Risiken gehen Anleger bei Direktinvestments etwa in Solarparks, Windräder und Wälder ein. Damit verfolgen sie meist das Ziel, direkt (Mit-)Eigentümer oder wirtschaftlicher Eigentümer einer bestimmten Sache zu werden. Das birgt Risiken und gebietet grundsätzlich Vorsicht (siehe BaFinJournal März 2019).

Mit gutem Gewissen investieren kann riskant sein, wenn der Nachhaltigkeitsgedanke über dem gesunden Anlegerverstand steht. Risiken müssen genau hinterfragt werden. Nur wer die Risiken kennt, kann eine fundierte Entscheidung treffen.

Die Online-Umfrage befasst sich auch mit dem Informationsangebot, den Auswahlmöglichkeiten am Markt und der Beratung. Die Informationen zu nachhaltigen Geldanlagen beurteilen 53 Prozent der Befragten als unzureichend. Die Auswahl an nachhaltigen Geldanlagen bemängeln 43 Prozent. Um bei einem unabhängigen Informationsportal einen kostenlosen Angebotsvergleich zu erhalten, würden 39 Prozent der Befragten tendenziell ihre persönlichen Daten im Internet preisgeben. Vorsichtiger und zurückhaltender äußern sich hier 53 Prozent. Sie würden dies eher nicht tun. Einen Finanzberater haben derzeit 32 Prozent. Die Erhebung zeigt, dass 62 Prozent der Befragten in einem Beratungsgespräch vom Finanzberater aktiv dazu befragt werden möchten, ob bei ihrer Geldanlage Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt werden sollen.

Grafik 3: Einstellungen zu nachhaltigen Geldanlagen

Grafische Darstellung nachhaltiger Geldanlagen Grafik 3: Einstellungen zu nachhaltigen Geldanlagen

Grafik 5: Einschätzung des Risikos nachhaltiger Geldanlagen

Grafische Darstellung nachhaltiger Geldanlagen Grafik 5: Einschätzung des Risikos nachhaltiger Geldanlagen

Demnächst werden Verbraucher von Wertpapierfirmen ohnehin nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen gefragt. Damit kann dies bei der Auswahl der Produkte und der Beurteilung der Eignung berücksichtigt werden. Das sieht der Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums der EU-Kommission vom März 2018 vor. Ein einheitliches Klassifikationssystem für nachhaltige Tätigkeiten innerhalb der EU, eine Taxonomie (siehe Infokasten „Taxonomie“), soll für Klarheit sorgen, welche Tätigkeiten als nachhaltig angesehen werden können.

Definition:Taxonomie

Eine Nachhaltigkeitstaxonomie ist ein einheitliches Klassifizierungssystem für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten. Es geht darum zu klären, was unter nachhaltig genau zu verstehen ist. Dazu werden Kriterien festgelegt. Der Begriff Nachhaltigkeit beschränkt sich dabei nicht auf die ökologische Nachhaltigkeit. Vielmehr gehören auch soziale Gesichtspunkte und die Beachtung der Grundsätze einer guten Unternehmensführung zu einer Nachhaltigkeitstaxonomie.

Fazit

Obwohl viele Menschen noch nicht von dem Begriff „nachhaltige Geldanlagen“ gehört haben, ist das Interesse daran groß. Mit Nachhaltigkeit verbinden viele Menschen nicht nur Umwelt- und Klimaschutz, sondern auch soziale oder ethische Aspekte. Für die Mehrheit stehen aber ökonomische Aspekte im Vordergrund einer Anlageentscheidung. Weit verbreitet ist die Annahme, nachhaltige Geldanlagen seien sichere Geldanlagen. Insbesondere sind sich viele nicht des Risikos von Direktinvestments bewusst. Die BaFin rät Verbrauchern, sich vor einer Anlageentscheidung genau zu informieren, in was sie ihr Geld investieren und wem sie es anvertrauen.

Autorin

Dr. Daniela Röstel
BaFin-Referat Verbrauchertrendanalyse und Verbraucheraufklärung

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