Nachhaltigkeit als aufsichtliche Anforderung

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine Damen und Herren,

Herr Hufeld sagte es bereits heute Morgen: Wer im Finanzsektor Erfolg haben will, kommt am Thema Nachhaltigkeit nicht mehr vorbei. Dem kann ich nur ausdrücklich zustimmen. Banken, die dieses Thema vernachlässigen, setzen sich nicht nur erhöhten Risiken auf der Aktivseite oder erhöhten operationellen Risiken aus. Banken, die sich nicht um Nachhaltigkeit kümmern, werden langfristig auch keine Investoren mehr finden.

Banken erfüllen in modernen Volkswirtschaften eine zentrale Rolle. Sie bieten Einlegern einen hoffentlich „sicheren Hafen“ für ihre Ersparnisse und Unternehmen eine zuverlässige Finanzierungsquelle. Sie beraten ihre Kunden über verschiedene Finanzprodukte, finanzieren Innovationen oder begleiten Börsengänge, Kapitalmaßnahmen und Fusionen. Kurz: Sie sind Transmissionsriemen der Realwirtschaft und mit dieser eng verflochten. Dies bedeutet aber auch, dass die Risiken, denen sich Unternehmen der Realwirtschaft ausgesetzt sehen, sehr wahrscheinlich in der einen oder anderen Form auch zu Risiken der Banken werden. Und zusätzlich sind die Banken auch durch ihr Eigengeschäft von Nachhaltigkeitsrisiken betroffen. Deshalb tun die Banken und wir als Aufsicht gut daran, diese Risiken ebenfalls in den Blick zu nehmen.

Der Nachhaltigkeitsbegriff ist breit. Auf der vor fünf Tagen zu Ende gegangenen Weltartenschutzkonferenz in Paris wurde deutlich, dass der Verlust der Artenvielfalt ähnlich dramatische Folgen haben könnte wie der Klimawandel1. Die Diskussionen, die wir auf europäischer und globaler Ebene mitbekommen, drehen sich aber in erster Linie um Klimarisiken, und womöglich droht hier auch das höchste wirtschaftliche Verlustpotential2.

Banken sind von Klimarisiken in vielerlei Hinsicht betroffen. Die direkten Risiken, also zum Beispiel Schäden durch Stürme, Überflutungen oder die schleichende Verschlechterung von Produktions- und Arbeitsbedingungen, können Banken unmittelbar treffen. Zum Beispiel dann, wenn das eigene Rechenzentrum durch einen Wirbelsturm beschädigt wird oder Filialen unter Wasser stehen. Noch gravierender für den Bankensektor sind aber die indirekten Risiken. Mit solchen Risiken haben wir es etwa dann zu tun, wenn Gebäude oder Produktionsanlagen, die von einer Bank finanziert wurden, durch ein Unwetter ramponiert oder völlig zerstört werden. Unter solchen Vorfällen leidet nicht nur die Kapitaldienstfähigkeit von Kunden, sondern auch der Wert der Kreditsicherheiten.

Relevant für Kreditinstitute sind auch Transitionsrisiken. Diese können im Zusammenhang mit politischen Klimaschutzmaßnahmen akut werden, etwa, wenn fossile Brennstoffe gezielt verteuert werden. So hat etwa die Europäische Union mit ihrer jüngsten Reform des Emissionshandels dafür gesorgt, dass sich der Preis von Emissionszertifikaten verdreifacht3. Transitionsrisiken treten aber auch auf, wenn sich Kunden von „schmutzigen“ Unternehmen abwenden oder sie durch das Aufkommen neuer, disruptiver Technologien ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren4.

Aus bankaufsichtlicher Perspektive sind solche Risiken Teilaspekte der bereits im Fokus der Aufsicht stehenden Kredit-, Markt-, Liquiditäts- und operationellen Risiken. Als Aufseher verlangen wir, dass Banken solche Risiken kontrollieren und managen. Und manche dieser Risiken sind gar nicht mehr so weit weg, wie man vielleicht auf den ersten Blick denkt. Denken Sie nur daran, dass man sich in bestimmten Regionen dieser Welt nicht mehr gegen Sturm oder Hochwasser versichern kann. Die Kreditengagements von Banken in solchen Regionen haben dann plötzlich einen ganz anderen Risikogehalt als ursprünglich gedacht. Oder denken Sie an die Verluste in Milliardenhöhe, die einige Betriebe der Land- und Fortwirtschaft im vergangenen Jahr wegen des trockenen Sommers verbuchen mussten5.

Die internationale Regulierungsgemeinschaft sieht der Entwicklung nicht tatenlos zu, sondern begleitet sie hin zu mehr Nachhaltigkeit durch zahlreiche Initiativen. So haben sich im Dezember 2017 anlässlich des „One Planet Summit“ acht Finanzaufsichtsbehörden und Zentralbanken auf Initiative der Banque de France zum „Network for Greening the Financial System“ (NGFS) zusammengeschlossen. Bis April dieses Jahres ist dieses Netzwerk bereits auf 34 Mitglieder und fünf Beobachter angewachsen. BaFin und Deutsche Bundesbank sind im Lenkungsausschuss vertreten und arbeiten in den verschiedenen Arbeitssträngen mit. Am 17. April veröffentlichte das NGFS seinen ersten umfassenden Bericht mit dem Titel „A call for action“, ein Weckruf für die internationale Gemeinschaft der Regulierer.

Sollten Sie den Bericht noch nicht gelesen haben, lege ich Ihnen die Lektüre sehr ans Herz. Kernstück sind sechs Empfehlungen. Die Empfehlungen fünf und sechs richten sich an den Gesetzgeber. Darin wird vorgeschlagen, ein robustes und international konsistentes klima- und umweltbezogenes Berichtswesen zu schaffen. Außerdem geht es darum, eine Taxonomie zu entwickeln, mit deren Hilfe die Transformation hin zu einer grünen und emissionsarmen Wirtschaft gefördert werden kann. Dabei sehe ich einen ganz entscheidenden Unterschied zu entsprechenden Gesetzesinitiativen, die die EU-Kommission im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht hat: Das NGFS empfiehlt auch eine Taxonomie für Aktivitäten, die höheren klima- und umweltbezogenen Risiken ausgesetzt sind. Die Empfehlungen eins bis vier richten sich an Aufsichtsbehörden und Zentralbanken. Neben der Integration von Nachhaltigkeitsfaktoren in die Portfolioverwaltung durch Zentralbanken, der Schließung von Datenlücken und dem Aufbau von Wissen und technischer Zusammenarbeit, geht es vor allem um die Integration von klimabezogenen Risiken in das Finanzstabilitäts-Monitoring und in die mikroprudentielle Aufsicht.

Besonders wichtig aus Sicht der BaFin ist der Bezug zum Risikomanagement. Wir arbeiten bereits daran, die NGFS-Empfehlung in aufsichtliche Erwartungen zu überführen. Damit werden die Banken aufgefordert, klimabezogene Risiken in ihrem Risikomanagement zu berücksichtigen. Hier beschränken wir uns aber nicht auf den Klimawandel, sondern nehmen alle Nachhaltigkeitsrisiken in den Fokus. Die relevanten Nachhaltigkeitsrisiken zu identifizieren, zu beurteilen, zu steuern und zu überwachen, ergibt sich für Kreditinstitute bereits aus § 25a des Kreditwesengesetzes (KWG) in Verbindung mit unseren Mindestanforderungen an das Risikomanagement der Banken, den MaRisk. Wir halten es dennoch für sinnvoll, mit unseren aufsichtlichen Erwartungen noch einmal explizit auf das Risiko hinzuweisen.

Nur: Wie gehen wir hier konkret vor? Wir werden ein Merkblatt veröffentlichen, welches darstellt, was genau wir im Hinblick auf Nachhaltigkeitsrisiken von den beaufsichtigten Unternehmen erwarten. Dieses „Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken“ richtet sich an alle von der BaFin beaufsichtigten Unternehmen. Die darin enthaltenen Empfehlungen sind in dem Sinne unverbindlich, als den Instituten Methodenfreiheit eingeräumt wird. Die BaFin erwartet aber, dass sich die Institute „top down“ vom Vorstand bis in die Abteilungen mit den neuen beziehungsweise als neu wahrgenommenen Risiken befassen und dass sie eine Strategie sowie eine Art Fitnesscheck dafür entwickeln. Dabei stellt sich natürlich eine Reihe von Fragen. Zum Beispiel: Welche Geschäftsfelder sind einem physischen oder transitorischen Risiko ausgesetzt? Wie ist mit dem teilweise langfristigen Zeithorizont solcher Risiken umzugehen? Welche Risikoarten sind institutsspezifisch von Nachhaltigkeitsrisiken betroffen? Das Merkblatt wird außerdem beispielhaft einige mögliche Methoden zur Risikosteuerung und bereits existierende ITTools für die eigene Portfolioanalyse nennen, natürlich ohne dabei Empfehlungen für das eine oder andere Tool auszusprechen.

Mit dem Merkblatt wollen wir insbesondere jene Institute ansprechen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit erst noch annähern müssen. Selbstverständlich können Banken und Sparkassen im Dialog mit der Aufsicht klären, ob eventuell bereits eingerichtete Prozesse und Strukturen den Erwartungen der BaFin gerecht werden. Das Merkblatt soll aber nicht nur Aufmerksamkeit für Nachhaltigkeitsaspekte schaffen. Über diese Phase sind wir hinaus. Jetzt ist auch geboten zu handeln. Vor allem fordern wir die Institute deshalb dazu auf, ihre strategische Ausrichtung, ihre Aufbau- und Ablauforganisation, das Risikomanagementsystem und ihre Kommunikation nach innen wie nach außen zu überprüfen. Im 4. Quartal soll das Papier öffentlich konsultiert werden.

Später werden wir den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken auch im Rahmen unserer laufenden Aufsicht prüfen und so schrittweise zu einer soliden Säule-2-Abdeckung kommen. Das wird ohnehin auf die Banken zukommen, schließlich hat die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA (European Banking Authority) in der fünften europäischen Eigenkapitalrichtlinie (Capital Requirements DirectiveCRD) ein Prüfungsmandat für die Integration von Nachhaltigkeitsrisiken in den aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozess erhalten.

Abschließend möchte ich noch einmal betonen, dass mir Nachhaltigkeit persönlich am Herzen liegt. Wer sehenden Auges die Wirklichkeit wahrnimmt, muss anerkennen, vor welche Herausforderungen der Klimawandel und weitere ökologische und soziale Risiken uns alle stellen. Auf diese Herausforderungen werden wir nur mit einer engagierten und strategisch gut positionierten Finanzindustrie adäquat antworten können – und nicht ohne oder gar gegen sie. Wer die Chancen der Nachhaltigkeit fahrlässig verpasst, wird Risiken eingehen, welche die Gesellschaft möglicherweise nicht mehr zu übernehmen bereit ist.

Fußnoten: