Finanzmärkte im Klimawandel

„Wer langfristig im Finanzsektor erfolgreich sein will, wird am Thema Nachhaltigkeit nicht mehr vorbeikommen“, sagt BaFin-Präsident Felix Hufeld, als er die erste Konferenz seiner Bundesbehörde zum Thema „Nachhaltige Finanzwirtschaft“ im Berliner Umweltforum eröffnet. Rund 350 Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden haben die Gelegenheit Anfang Mai genutzt, sich über neue Aufsichtsansätze auszutauschen. Im Mittelpunkt stehen dabei drohende Umwelt- und Klimarisiken für die Finanzwirtschaft. „Der Klimawandel ist sowohl eine globale Bedrohung als auch eine Herausforderung“, sagt Hufeld. Umso wichtiger sei es daher, das Bewusstsein des Finanzsektors für materielle Risiken, aber auch für Chancen, die klimatische, ökologische und soziale Veränderungen bringen, zu schärfen. Das gelte für einzelne Finanzmarktakteure und den Finanzmarkt als Ganzes.

Auch die BaFin steht dabei in der Pflicht. „Als Finanzaufsicht ist es unser Auftrag, Risiken für das Finanzsystem zu erkennen und die von uns beaufsichtigten Unternehmen aufzufordern, sie angemessen zu berücksichtigen. Dafür müssen wir in der Lage sein, die Nachhaltigkeitsrisiken zu durchdringen und zu quantifizieren“, erklärt der BaFin-Präsident.

Neu sei das Thema Nachhaltigkeit für seine Behörde nicht. Im Jahr 2017 gehörte die BaFin etwa zu den Gründungsmitgliedern des Network for Greening the Financial System (NGFS). Vertreter von Zentralbanken und Aufsichtsbehörden engagieren sich in diesem Gremium für ein grünes Finanzsystem. Zudem hat das BaFin-Direktorium Anfang 2018 das Thema Nachhaltigkeit als strategisch wichtig eingestuft. Seitdem sind die von der BaFin beaufsichtigten Unternehmen verpflichtet, materielle Umwelt- und Klimarisiken in ihrem Risikomanagement zu berücksichtigen.

Wie groß die Herausforderung aus Sicht der Klimaforschung tatsächlich ist, analysiert Harald Lesch, Physikprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und ZDF-Wissenschaftsjournalist. „Die Menschheit muss den Klimawandel begrenzen, sonst wird sie ihn mit Toten bezahlen“, mahnt er. Immer noch gebe es zu viele Menschen, die den Treibhauseffekt entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse leugnen würden.

„Der Erde droht eine dramatische Heißzeit“

„Das Erdklima ist möglicherweise fragiler, als wir glauben“, sagt Lesch. Er verweist dabei auf Klimamodelle, die schon in wenigen Jahrzehnten breite unbewohnbare Zonen entlang des Äquators in Afrika und Südamerika erwarten lassen. „Der Erde droht eine dramatische Heißzeit“, prophezeit der Wissenschaftler. Sein Appell ans Publikum: Jeder sollte investiertes Geld dort abziehen, wo es schade, und es stattdessen nutzstiftend anlegen. Als Beispiel nennt er den Schutz des Regenwaldes in Brasilien.

Dr. Levin Holle, Leiter der Abteilung Finanzmarktpolitik im Bundesministerium der Finanzen (BMF), pflichtet den anderen Rednern auf der Konferenz bei. In der Finanzwirtschaft müsse sich das Bewusstsein ändern. Als Vorbild dienen seiner Meinung nach nationale, europäische und internationale Initiativen. Bundesfinanzminister Olaf Scholz sei zum Beispiel im April 2019 der Coalition of Finance Ministers for Climate Action beigetreten. Diese Koalition für mehr Klimaschutz setzt sich aus Finanzministern von mehr als 20 Ländern zusammen, die intensiv darüber diskutieren, welchen Beitrag privates Kapital und die Finanzindustrie leisten können, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Auch die G20 Sustainable Finance Study Group der Finanzminister und Zentralbankpräsidenten der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer treibe das Thema Nachhaltigkeit voran.

„Die Bundesregierung will Deutschland zu einem führenden Sustainable-Finance-Standort entwickeln“, sagt Holle. Das BMF untersuche daher, wie sich Nachhaltigkeitsaspekte in Anlagen des Bundes integrieren lassen könnten. Auch gehe man im politischen Berlin fest davon aus, dass Nachhaltigkeit ein zentrales Thema der nächsten Europäischen Kommission und der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 sein werde.

Eine Absage erteilt Holle hingegen einem „Green Supporting Factor“. Es widerspreche seiner Ansicht nach dem Ziel der Finanzmarktstabilität, Eigenkapitalanforderungen zu reduzieren, nur weil Anlagen oder Kredite als nachhaltig eingestuft würden.

EU fördert und fordert Nachhaltigkeit

Jan Ceyssens, Mitglied im Kabinett von EU-Vizekommissionspräsident Valdis Dombrovskis, versichert, die Europäische Kommission arbeite derzeit mit Nachdruck an „der Entwicklung einer allgemein akzeptierten Nachhaltigkeits-Taxonomie“. Denn nur wer dies zuerst regele, könne später die Diskussion um weltweite Standards anführen. Ceyssens bezieht sich bei der Definition von Taxonomie auf die Kriterien Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung (Environmental, Social and GovernanceESG).

Und auch die deutsche Aufsicht lobt dieses Vorhaben auf europäischer Ebene. „Eine nachvollziehbare Taxonomie und hohe Transparenz kann stärker auf die Finanzwirtschaft einwirken als jede Regulierung“, sagt BaFin-Präsident Hufeld. Sobald ESG-Daten in hoher Qualität für alle verfügbar seien, würden sie mit der „normativen Kraft des Faktischen“ die Finanzmärkte durchdringen – und sie schließlich verändern. Auch Elisabeth Roegele, Vizepräsidentin und Exekutivdirektorin für Wertpapieraufsicht bei der BaFin, erwartet von einer praktikablen europäischen Taxonomie wichtige Impulse für die Entwicklung nachhaltiger Finanzprodukte. „Über eine Taxonomie hinaus werden erhöhte Transparenzpflichten den Anlegern helfen, sich über die Nachhaltigkeit von Finanzprodukten zu informieren und auf dieser Basis eine Anlageentscheidung zu treffen“, erklärt sie. Die BaFin unterstütze daher die Bestrebungen der Europäischen Kommission, für bestimmte Finanzprodukte Nachhaltigkeitsaspekte in die Prospektpflicht aufzunehmen, um Anleger umfassender als zuvor zu informieren.

Ohne Nachhaltigkeit kein Bankgeschäft

Auch Institute müssten einen Beitrag zu einer nachhaltigen Finanzwirtschaft leisten, mahnt Raimund Röseler, Exekutivdirektor für die Bankenaufsicht bei der BaFin. „Banken, die sich nicht um Nachhaltigkeit kümmern, werden langfristig auch keine Investoren mehr finden.“ Daher müssten Institute künftig auch klimabezogene Risiken im Risikomanagement berücksichtigen, kündigt er an. Neben der BaFin und der Bundesbank setzen sich noch 32 weitere Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden im NGFS (siehe Meldung „NGFS-Report“) für dieses Ziel ein.

Dementsprechend will die BaFin Ende 2019 ein Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken zur Konsultation an die von ihr beaufsichtigten Unternehmen schicken. Neben physischen und transitorischen Risiken der einzelnen Geschäftsfelder sollen Unternehmen auch langfristige Nachhaltigkeitsrisiken auflisten. In wenigen Jahren könnten klimawandelbezogene Risiken dann in Bankenstresstests einfließen, antwortet Röseler auf eine Frage aus dem Publikum. „Nur mit einer gut positionierten Finanzindustrie werden wir adäquat auf die Herausforderungen des Klimawandels reagieren können“, weiß Röseler.

Absage an regulatorischen Bonus

Dr. Frank Grund, Exekutivdirektor Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht bei der BaFin, rückt die Chancen der Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. „Allein die deutschen Lebensversicherer und Pensionskassen verfügen derzeit über Kapitalanlagen zu Buchwerten von mehr als einer Billion Euro, die langfristig rentabel angelegt werden müssen“, erklärt Grund. Der Finanzsektor müsse sich aus seiner Sicht am Umbau der Realwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit beteiligen. Dabei seien nachhaltige Investitionen nicht grundsätzlich risikoärmer als konventionelle Investitionen ohne ESG-Ansatz. „Für nachhaltige Kapitalanlagen darf es keinen regulatorischen Bonus ohne sachgerechten Bezug geben“, stellt Grund klar.

Wie sich Banken, Versicherer und Pensionskassen auf die Herausforderungen des Klimawandels vorbereiten können, zeigen Dr. Christian Thimann, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Athora Deutschland, und Silke Stremlau, Mitglied im Vorstand der Hannoverschen Kassen. Jeder einzelne Entscheidungsträger müsse im Beruf wie auch im Privaten Verantwortung übernehmen. Das Ziel sollte „ein klimagerechter Lebensstil“ sein, sagt Stremlau. „Wer hat den Dienstwagen abgeschafft, wer die Flugreise abgesagt, wer hat ein Kleid weniger bestellt?“, richtet sie eine rhetorische Frage ans Publikum.
Massive Umwälzungen im Verkehr, in der Landwirtschaft und in der Energieversorgung stünden Stremlau zufolge bevor. Auch die Finanzwirtschaft sei mit diesen Branchen eng verflochten. „Deshalb haben Sie die Pflicht zu handeln!“, mahnt die Vorständin. Sich der eigenen Verantwortung bewusst, würden die Hannoverschen Kassen schon seit mehreren Jahren soziale, ökologische und ethische Auswahlkriterien für alle Assetklassen und Investitionen anwenden.

Selbstverpflichtungen wirken nicht

Selbstverpflichtungen der Industrie seien ihrer Erfahrung nach so gut wie wirkungslos. Deshalb fordert Stremlau von Gesetzgeber und Aufsicht „eine klare regelbasierte Regulierung“. Schließlich müssten künftig „gigantische Finanzströme“ umgelenkt werden. Allein um die Klimaziele der EU bis zum Jahr 2030 umzusetzen, werden Studien zufolge 180 Milliarden Euro im Jahr benötigt. Drei bis fünf Billionen US-Dollar koste es im Jahr, wolle man die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen erreichen.

Wie wichtig es ist, als Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit voranzugehen, weiß der ehemalige Vorstand des französischen Versicherungskonzerns Axa aus eigener Erfahrung. Thimann war dafür verantwortlich, dass der Axa-Konzern als erste Versicherung überhaupt wegen zu hoher Klimarisiken aus der Kohlefinanzierung ausstieg. Dieser Entscheidung schlossen sich weitere internationale Versicherer an. Dennoch warnt Thimann davor, dass die Umsetzung der Nachhaltigkeitskriterien hierzulande zu Überregulierung führe. Im Sinne einer nachhaltigen Finanzwirtschaft müssten alle Lösungswege offen bleiben.

Abschließend betont BaFin-Präsident Hufeld erneut, wie hoch der zeitliche Druck sei, den Klimarisiken entgegenzutreten. Moralischer Druck und ethische Appelle würden aber nicht ausreichen. „Wir brauchen Aktion und wir werden auch verbindliche Vorgaben brauchen“, sagt Hufeld. Er lege aber Wert darauf, dass darüber in einem Rechtsstaat öffentlich und in einem demokratischen Prozess diskutiert und entschieden werde. Das Ergebnis dieses Prozesses seien dann Normen im Rang von Gesetzen oder Verordnungen. Ohne solche Rahmenvorgaben drohe ansonsten eine faktische Privatisierung von Befugnissen zu weitreichenden ethischen und persönlichen Lenkungsvorgaben in die Hände privater Finanzinstitute, was seines Erachtens nicht akzeptabel sei. Auch angesichts fundamentaler Herausforderungen wie dem Klimawandel oder anderer ESG-Ziele dürfe der Aspekt der Legitimation in einem demokratischen Rechtsstaat nicht leichtfertig übergangen werden.

Auf einen Blick:Nachhaltigkeit in der Finanzaufsicht

  • Ende 2017 – BaFin ist Gründungsmitglied des Network for Greening the Financial System (NGFS)
  • März 2018 – BaFin-Direktorium erhebt Nachhaltigkeit zum strategisch wichtigen Ziel: Mitwirkung an internationaler Regulierung, Transparenz und Verankerung im Risikomanagement der beaufsichtigten Unternehmen
  • April 2018 – BaFin bildet internes geschäftsbereichsübergreifendes Netzwerk Sustainable Finance, das die strategischen Vorgaben des Direktoriums umsetzt und sich mit entsprechenden Verordnungsentwürfen der EU-Kommission beschäftigt
  • Seit 2018 – BaFin unterstützt die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten bei den europäischen Aufsichtsbehörden, insbesondere als Mitglied der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA, der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA, der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung EIOPA; und sie berät die Europäische Zentralbank
  • Mai 2019 – BaFin benennt einen Chief Sustainable Financial Officer; erste BaFin-Konferenz „Nachhaltige Finanzwirtschaft“
  • Juni 2019 – BaFin wird ständiger Beobachter im Beirat Sustainable Finance der Bundesregierung
  • 4. Quartal 2019 – BaFin stellt Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken zur Konsultation

Hinweis:Weitere Informationen zum Thema

Vertiefende Beiträge der Referenten, der BaFin-Direktoriumsmitglieder und des Chief Sustainable Financial Officer bei der BaFin, Frank Pierschel, finden Sie in den BaFinPerspektiven 2/2019 zum Thema Nachhaltigkeit.

Die Referenten Silke Stremlau, Vorständin Hannoversche Kassen, und Professor Harald Lesch, Ludwig-Maximilians-Universität München, haben darüber hinaus umfangreiche Zusatzinformationen als Vortragsunterlagen zu Verfügung gestellt.

Die Redebeiträge der BaFin-Direktoriumsmitglieder Elisabeth Roegele, Raimund Röseler und Dr. Frank Grund sind als Videoaufzeichnung auf der BaFin-Webseite abrufbar.

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